Die Silur-Hypothese

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Neuere wissenschaftliche Überlegungen gehen dahin, ob es schon in der Urzeit einen Vorläufer der menschlichen Zivilisation gegeben hat. Eine solche Mutmaßung nennen Forscher die Silur-Hypothese. Das Silur ist ein Abschnitt der Frühgeschichte. Es begann vor 443 Millionen Jahre und dauerte 24 Millionen Jahre. Hypothese heißt so viel wie Annahme oder Vermutung. Elektrisierend an diesen Untersuchungen ist vor allem der Umstand, daß die Träger dieser  Kultur keine Menschen gewesen wären.

(von Volker Wittmann)

„Wenn wir so weit zurück gehen“, so schrieb Professor Adam Frank von der amerikanischen Universität Rochester, „sprechen wir nicht mehr über menschliche Zivilisationen. Der Homo sapiens entwickelte sich erst vor etwa 300.000 Jahren.“ Es würde sich um eine ganz andere Daseinsform handeln wie etwa „intelligente Reptilien“. So heißt es in einem Artikel  auf der Netzseite „The Atlantic“. Eine Studie dazu veröffentlichte Frank zusammen mit Gavin Schmidt, dem Direktor des Goddard-Institut für Raumforschung der NASA, im „International Journal of Astrobiology“.

Bislang beschränkte sich die Urzeitforschung, die Archäologie, auf einen Rückblick von einigen Jahrtausenden. Ausgrabungen und Untersuchungen von Resten alter Bauwerke erbrachten Hinweise über den Stand versunkener Kulturen wie der Babylonier, Ägypter, Mayas, Kmehr oder der Megalithen-Kultur in Europa. Davon künden Hügelgräber und Hinkelsteine wie Stone Henge im Süden Englands. Jetzt gehen Wissenschaftler erstmals der Frage nach, ob der technische Fortschritt der Menschen der erste Anlauf dieser Art ist.

Höhere Lebewesen gibt es schon lange. Fast alle bekannten Stämme entstanden bereits im Kambrium. Dieser Abschnitt liegt noch weiter zurück als das Silur. Die Epoche begann vor 541 Millionen Jahren und dauerte 56 Millionen Jahre. Vermutlich verursachte eine Zunahme von Sauerstoff in Luft und Meer die jähe Blüte der Erde. Der Aufschwung wird  die kambrische Explosion genannt.

Drückt man die Zeit, die seither verstrichen ist, auf ein einziges Jahr zusammen, entspräche die menschliche Kultur den letzten fünf Minuten vor dem Gongschlag zu Silvester. Dabei ist die technische Zivilisation großzügig mit rund fünftausend Jahren veranschlagt. An dem Vergleich läßt sich ermessen, welch gewaltige Spanne zur Verfügung stand, um die Entstehung von Vorläufer-Zivilisationen zu ermöglichen.

Umso schwieriger ist es nach Ansicht von Professor Frank Spuren einer vergleichbaren Hochentwicklung zu finden. Nur ein winziger Bruchteil der Lebewesen aus Olims Zeiten ist in Gestalt von Versteinerungen erhalten. So gibt es vom Urvogel Archaeopteryx nur zwölf Fundstücke. Indessen haben diese Tiere die Erde annähernd sieben Millionen Jahre bevölkert. Dabei sind Entdeckungen einzelner Federn schon eingerechnet. Der erste Abdruck wurde bereits 1860 gefunden, der zwölfte 2011. Es waren folglich mehr als anderthalb Jahrhunderte nötig, um sich ein Bild von diesem Urgeschöpf zu machen.

Die Wahrscheinlichkeit für die Entdeckung von Hinweisen auf Wesen einer silurischen Zivilisation sei um vieles geringer, selbst wenn sie fünfhundert tausend Jahre bestanden hätte. So betonte Frank. Aussichtsreicher wäre es nach Anzeichen zu suchen, wie sie die menschliche Zivilisation hinterlassen würde, falls sie im gegenwärtigen Zustand zusammen bräche. Reste des vielen Plastik oder von Kunstdünger könnten sich für geologische Zeiträume auf dem Grund der Meere ablagern.

Einen weiteren Fingerzeig wäre nach Ansicht des Professors eine ungewöhnliche Erwärmung der Erde, wenn man davon ausginge, daß der derzeitige Klimawandel das Werk der Menschen sei. In der Tat ist etwas derartiges vor rund 56 Millionen Jahren schon einmal vorgekommen. Im sogenannten Paläozän stieg die durchschnittliche Temperatur innerhalb von viertausend Jahren um 6 bis 8 Grad Celsius an. Die Wissenschaft nennt dieses Ereignis das Paläozän-Eozän-Temperatur-Maximum, kurz PETM. Die Ausnahme-Erscheinung wurde erst vor kurzem entdeckt. Im Umkehrschluß ließe sich die Wärme-Anomalie dahin gehend deuten, daß Klimawandel eine Folge technischer Zivilisationen sei.

Jedenfalls besteht in der Wissenschaft dahin gehendes Einvernehmen, daß die Gegenwart als Anthropozän zu bezeichnen wäre, hergeleitet vom altgriechischen Wort athropos  (ἄνθρωπος) für Mensch. Das heißt soviel wie Zeitalter der Homo sapiens. Den Begriff hat der holländische Chemiker Pauls Crutzen eingeführt. Er wollte damit ausdrücken, daß der geologische Einfluß auf die Erde derzeit vorwiegend von den Menschen ausginge.

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Marc Imhoff/NASA GSFC, Christopher Elvidge/NOAA NGDC; Image: Craig Mayhew and Robert Simmon/NASA GSFC

Nachtseite der Erde: Die stärkste Beleuchtung kommt vom Osten der Vereinigten Staaten von Amerika, von Europa und Südostasien.

Heraus ragende Kennzeichen des Anthropzäns seien Verstädterung, Verschmutzung von Luft und Wasser, Veränderungen der Chemie des Bodens sowie ein umfassendes Artensterben. Auch die Wärme-Anomalie des PETM war von Einbrüchen der belebten Natur begleitet. Als Anfang der menschengemachten Zeiterscheinungen setzen Wissenschaftler mit dem 16. Juli 1945. An diesem Tag zündeten Physiker bei Alamogordo in der Wüste des US-Staats Neu Mexiko die erste Kernexplosion.

Adam Frank von der Universität Rochester und Gavin Schmidt, der Direktor des Goddard-Institut für Raumforschung der NASA, sind Astrophysiker. Ihr eigentliches Forschungsgebiet bilden Exo-Zivilisationen. So bezeichnen sie mutmaßlich erdähnliche Entwicklungen auf Planeten im Umkreis ferner Sonnen. Auf der Suche nach sogenannten „Markern“ für anderwärtiges Leben wie Methan in der Lufthülle sind sie durch Vergleiche mit irdischen Einflüssen der Technik auf die Frage nach Vorläufern in der Urzeit gestoßen.